Kunstfestspiele Herrenhausen 2018
24.08.2023

Ocular Witness - Schweinebewusstsein

Wir haben es vielfach im Jahr auf dem Teller, es taucht auf in Debatten um Nachhaltigkeit und Umweltschutz, doch als Sujet in der Kunst sehen wir es selten: das Schwein. Eine Ausstellung im Sprengel Museum Hannover ändert dies jetzt. „Ocular Witness: Schweine-bewusstsein“ heißt die Schau, für die 16 Künstlerinnen und Künstler Werke geschaffen haben, die das Schwein einmal ganz anders zeigen. 

Schweinekosmos: Im ersten Raum der Ausstellung sind die Tiere aus ungewöhnlich nahem Blickwinkel zu sehen. Poetisch und zart etwa wirkt Jochen Lemperts Schwarz-Weiß-Foto eines Schweine-Auges mit langen Wimpern. Gegenüber Fotos von langen, flachen Ställen auf weiter Ebene, die Arne Schmitt fotografiert hat. Wenig sichtbar die Anlagen, schwer aufzufinden, in einigen von ihnen wurde gegen Tierschutzgesetze verstoßen. In der Mitte haufenartige Skulpturen des französischen Künstlers Pierre Bismuth. Sie erinnern an das, was von einem Schwein nach dem Fleischwolf übrig bleibt. 

"Hier habe ich ein monströses Objekt erschaffen, das aus einer Mischung zweier Industriematerialien besteht, die sich nicht ergänzen oder zusammengehören müssen. Polyethylen-Kunststoff und Brathähnchen-Aroma, das in der Agrarindustrie verwendet wird. Es hat mich interessiert, das zu mischen, weil es technisch möglich ist, ohne dass es einer bestimmten Bedeutung oder Funktion bedarf."

Kuratorin Inka Schube ist es wichtig, den Kreislauf eines Schweinelebens sichtbar zu machen, das Tier ins menschliche Bewusstsein zu rücken. Der Gedanke kam der Tochter eines Tierarztes, als sie einmal im Supermarkt nach einer Zwiebel suchte und nur Angebote aus Neuseeland fand. Sie dachte über Lieferketten und Lebensmittel nach. Und weil Niedersachsen Spitzenreiter in der Produktion von Schweinefleisch ist, lag der Blick auf das Schwein nahe, sagt die Kuratorin für Foto- und Medienkunst des Sprengel Museums:

"Wenn wir eine Art wie viele andere Arten sind - wenn wir davon ausgehen - wie fair schauen wir dann eigentlich auf andere Arten? Oder gibt es einen herrschaftsfreien Blick des Menschen auf das Schwein? Wie würde der denn eigentlich aussehen? Indem wir das niedlich machen oder indem wir das sozusagen vor eine Leinwand stellen und dann fotografieren, indem wir das vermenschlichen? Also was ist eigentlich der faire Blick auf dieses Tier?"

Comiczeichnerin Anna Haifisch hat sich daran versucht. Nach Beschreibungen einer Schweinewirtin zeichnete sie deren Sau Hildegard buntflächig im Café sitzend, die schüchterne Miliszka mit scheuem Blick. Mehr Nerven braucht, wer sich das Video des Künstlerduos Young-Hae Chang Heavy Industries ansieht.

„Wir werden jetzt mit euch teilen, wie wir ein lebendes Fleisch in Schweinefleisch verwandeln..“, heißt es da im Off-Text. Angeregt vom Rückgang deutschen Schweinefleisches in Korea wegen Corona und Afrikanischer Schweinepest, erschufen sich die Künstler als Avatare, die im Video das humane Hausschlachten vorführen. 

Ganz lautlos hingegen ist die Video-Arbeit des Künstlerinnen-Duos Anetta Mona Chișa und Lucia Tkáčová. Mit einer Geschichte, geschrieben auf 388 Fünf-Euro-Scheinen, beleuchten sie, was der Kreislauf des Geldes in der deutschen Fleischproduktion für eine osteuropäische Familie bedeutet. Mona Chișa: 

"Das Schwein in der Nahrungsmittelindustrie ist Teil des Geld-Kreislaufes. Unsere Arbeit zeigt, wie Menschen ihre Kinder oder Familien opfern, um unter sehr harten Bedingungen Geld zu verdienen, die sich nach einem besseren Leben sehnen und etwas Geld, das sie in den östlichen Ländern nicht verdienen können. Wir wissen, wie sie als "Gastarbeiter“ angesehen werden und wie hart sie arbeiten müssen, um hier zu leben.

Die facettenreichen, künstlerischen Ausdrucksweisen werfen viele wichtige Fragen auf: Warum begegnen wir dem Schwein heute vor allem an der Kühltheke, warum ist es so unsichtbar? Die konzeptuellen Arbeiten zur Fleischindustrie sind gut gemacht, thematisieren aber wieder vor allem die Begleitumstände eines Schweinelebens, statt das Tier mit noch mehr Werken selbst ins Bild zu setzen – in der Malerei, der künstlerischer Fotografie etwa. Gute Impulse gibt die Schau trotzdem, über unsere Rolle als Verbraucher nachzudenken.
 


Beitrag für Deutschlandfunk, Kultur heute


 


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Agnes Bührig, freie Autorin mit Berichtsgebiet Niedersachsen und Nordeuropa. Berichte, Reportagen und Features über Kultur und Gesellschaft, Podcast und Moderation..

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